Löwen in Landstuhl

Seit den 1970er Jahren gibt es Gesetze zur schulischen Integration von Kindern mit Behinderungen in den USA. Der gemeinsame Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen ist in den Vereinigten Staaten die Regel. Um zu erfahren, wie das inklusive Schulsystem in den USA funktioniert muss man nicht über den großen Teich reisen. Auch in Rheinland-Pfalz gibt es amerikanische Schulen. Diese Woche habe ich die Lions Landstuhl, die Landstuhl Elementary/Middle School (LEMS) besucht und eine inklusive Schule direkt in unserer Nachbarschaft kennen lernen können.

Nach Sicherheitskontrollen am Einfahrtstor fahren wir auf das Gelände des Armee-Hospitals in Landstuhl. Dort ist auch die Lions Schule untergebracht. 800 Kinder und Jugendliche von der Vorschule bis zur achten Klasse werden dort unterrichtet. Amy Peaceman, Deutschlehrerin an der Schule und Ihren Kollege Adam Wright hatten ein umfangreiches Programm für uns vorbereitet. Begleitet wurde ich von Jan Wenzel vom Inklusionsreferats aus unserem Bildungsministerium.

Knapp 20 % der Schülerinnen und Schüler an der Lions Schule erhalten aufgrund einer Beeinträchtigung eine spezielle Förderung. Das beginnt mit Frühförderung in der Vorschule und  setzt sich mit Unterstützung während der Schulzeit fort. Adam Wright ist Spezialist für Diagnostik und Förderunterricht. Er und seine Kollegen und Kolleginnen erstellen die individuellen Entwicklungspläne (individualized educational program – IEP) für die Kinder und Jugendlichen mit besonderen Bedarfen. Das ist im Individuals with Disabilities Education Act (IDEA) von 1990 festgelegt und gilt für die gesamten  Vereinigten Staaten. Grundsatz ist, dass soviel wie möglich gemeinsamer Unterricht stattfindet und notwendige Unterstützung dafür eingesetzt wird. Das können Integrations-Helferinnen und -helfer, technische Ausstattung und ergänzender Förderunterricht sein. Begleitet wird der Schulbesuch durch Ergo- und Physiotherapie, die an der Schule erbracht wird. Auch Sprachtherapie gehört dazu. Der  IEP wird bei Bedarf durch den Individualized Family Service Plan (IFSP) ergänzt, der die Unterstützung des familiären Umfeldes einbezieht. 

Die Förderung der Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen findet in den Vereinigten Staaten an allgemeinen Schulen statt. Förderschule sind die absolute Ausnahme und überwiegend Privatschulen.

Die individuelle Förderung ist also sehr gut organisiert. Es gibt noch ein über 200-seitiges Handbuch, in dem alle Lehrerinnen und Lehrer notwendiges Wissen über Arzt der Beeinträchtigungen und Möglichkeiten der Forderungen nachschlagen können. Doch jetzt geht es durch die Schule. Wir beginnen in der Vorschule, und sind mitten in der Partytime einer Gruppe von drei- bis vierjährigen Kindern. Mit Musik und Bewegung geht es durch den Raum. Die Leiterin der Gruppe gibt danach Aufgaben, die von den Kindern gelöst werden sollen. Auf unterschiedliche Anforderung je nach Art der Fähigkeiten der Kinder geachtet.

Weiter geht es in eine Grundschulklasse. Dort wird in Gruppen gearbeitet. Für einen nicht sprechenden Schüler ist eine Assistenz Kraft eingesetzt, die gerade am Computer die Aufgaben für den Jungen anpasst. Für die Kommunikation nutzt er einen Tablettcomputer, sowohl als Kommunikationsassistenz als auch für die Aufgaben. Ich muss ich jetzt ein bisschen umschauen bis ich den Jungen in einer der Gruppen entdecke. Er ist mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern konzentriert bei der Arbeit und wird von seiner Lehrerin unterstützt.

Weiter geht es durch die Schule. Mir fällt auf, dass zwischen den Fachräumen immer eigene Räume (Ressource-Räume) zu finden sind, in denen Förderunterricht in Kleingruppen oder Einzeln stattfindet. Auch Adam Wright hat einen solchen Arbeitsplatz, wo er mit Smartboard und Lehrmaterial Förderunterricht gibt.  Zu seinen Aufgaben gehört auch, die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler zu beobachten und die individuellen Entwicklungspläne anzupassen.

In einer Klasse findet an Laptops Naturwissenschafts-Unterricht statt. Für eine Schülerin ist eine eigene Assistenzkraft zur Unterstützung im Einsatz. Im Musikunterricht probt gerade die Band, auch hier ist selbstverständlich, dass Kinder mit Beeinträchtigungen mitmachen.

Dann besuchen wir Schüler einer sechsten Klasse, die in der Bibliothek am Smartboard Förderunterricht in Mathematik erhalten. Das Prinzip ist, dass soviel gemeinsamer Unterricht wie möglich gehalten wird, und ergänzen Förderunterricht in Kleingruppen oder Einzelunterricht gegeben wird. Das erleben wir auch in der nächsten Fachklassen in Mathematik, hier läuft gemeinsamer Unterricht. Nachher treffen wir eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern aus dieser Klasse, die den Unterricht noch einmal nachbereiten. 

In ihrem kleinen Büro treffen wir Mina Holley, sie ist Ergotherapeutin an der Schule. Allerdings ist sie hauptsächlich in der Schule unterwegs, um Therapie vor Ort aus mit den Kindern und Jugendlichen zu machen. Sie gehört zur Schule dazu genauso wie Physiotherapeuten und eine Krankenschwester für die medizinische Versorgung. Hier wird deutlich, dass Inklusion in der Schule Teamarbeit ist. Alle berichten dass Absprachen untereinander zwischen Therapeutinnen und Therapeuten, Lehrerinnen und Lehrern notwendig sind, um allen Kindern mit Beeinträchtigungendie richtige Unterstützung zu geben. Die Ganztagsschule und die Präsenz der Lehrkräfte während dieser Zeit ist dabei hilfreich. Dennoch müssen Verabredungen oft per Mail organisiert weden, Besprechungen finden oft als gemeinsames Mittagessen statt.

Mit einem gemeinsamen Mittagessen im Fachraum von Amy Peaceman und Gesprächen über ihre Arbeit an der Schule endet der Besuch. Der gemeinsame Unterricht ist die Regel. Individuelle Lösungen und Unterstützung werden gemeinsamen im Team erarbeitet und umgesetzt. Dabei spielen eine gute Diagnostik und individuelle Unterstützung eine wichtige Rolle. In den Gesprächen mit den Lehrerinnen und Lehrern wir die gemeinsame Verantwortung für Ihre Schule und auch viel Offenheit für Lösungen deutlich.

Fazit des Besuchs ist, dass wir von den US-amerikanischen Schulen viel lernen können, wie gemeinsamer  Unterricht umgesetzt werden kann. Auch wenn in manchen Schulen spezielle Gruppen für Kinder und Jugendliche mit hohem Unterstützungsbedarf eingerichtet sind, so sind sie doch immer in den regulären Schulen und es wird immer geschaut, dass gemeinsamer Unterricht so oft wie möglich stattfindet. Eventuell lassen mehr  offene und differenzierte Unterrichtsformen die Notwendigkeit von individuellen Förderunterricht noch reduzieren. Vorbildlich ist die direkte Einbeziehung von Therapie in der Schule und die sehr individualisierte Planung der Förderung und Unterstützung. Die amerikanische Offenheit fördert die interdisziplinärer Zusammenarbeit, Abgrenzungen zwischen spezialisierten Berufsgruppen können so überwunden werden.

Herzlichen Dank an Amy Peaceman und ihr Team der Schule, die uns diesen spannenden Einblick in die Umsetzung von Inklusion an amerikanischen Schulen ermöglicht haben. Und Danke auch an die Transatlantische Akademie, die den Anstoß für diesen Besuch gegeben haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass Vernetzungen und Erfahrungsaustausch der rheinland-pfälzischen Schulen und der US-amerikanischen Schulen hierzulande Ideen und Lösungen für Inklusion voranbringen kann.

Hier noch ein Foto von dem Besuch

  

Jan Wenzel, Amy Peaceman und Matthias Rösch im Deutsch-Fachraum 

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